BREATHE · FREEZE · MOVE-

Eisbaden am Ammersee

Warum wir freiwillig ins kalte Wasser gehen

Im September 2017 war ich mit einem Freund bei Wim Hof, dem „Iceman“ und Meister der Kälte.

Ich durfte dort seine Atem- und Kältetechniken kennenlernen – aber vor allem hat mich die Philosophie dahinter fasziniert.

Was passiert, wenn wir unseren Körper wieder bewusst einem starken, natürlichen Reiz aussetzen?

Was passiert mit unserem Kopf?

Mit unserem Nervensystem?

Und was passiert, wenn wir aufhören, vor jedem unangenehmen Gefühl sofort davonzulaufen?

Ich kam nach Hause, aktivierte einen Freund – und dann ging es los.

Drei Winter lang.
Drei- bis fünfmal pro Woche.
Rein in die Amper.

Manchmal morgens um fünf.

Dunkel.
Kalt.
Still.

Dann kam irgendwann eine längere Pause. Und jetzt geht es wieder los. Aber heute interessiert mich weniger, wie lange ich im kalten Wasser bleiben kann.

Mich interessiert, was die Kälte mit uns macht.


1. Der Kopf wird still

Wir verbringen einen großen Teil unseres Lebens im Kopf.

Was muss ich heute noch erledigen? Was war gestern? Was passiert morgen? Was denkt jemand über mich? Habe ich an alles gedacht?

Unser Cortex ist fantastisch. Er lässt uns planen, analysieren, vorausdenken und reflektieren.

Aber genau diese Fähigkeit produziert manchmal auch ein permanentes Hintergrundrauschen.

Ich nenne es gerne den Mindchat.

Und dann gehst du ins kalte Wasser. Plötzlich ist die Einkaufsliste weg. Die E-Mail, die du noch beantworten wolltest, ist weg. Das Gespräch von gestern ist weg. Dein Körper hat in diesem Moment ein anderes Thema.

Kälte.

Der starke Kältereiz aktiviert unmittelbar körperliche Stressreaktionen. Atmung, Kreislauf und Aufmerksamkeit verändern sich.

Und plötzlich passiert etwas Faszinierendes:

Es wird still im Kopf.

Nicht, weil du krampfhaft versuchst, an nichts zu denken. Sondern weil dein Körper dich zurückholt.

Aus dem Denken. In den Moment.


2. Kälte fordert unseren Körper

Kälte ist nicht nur eine mentale Erfahrung.

Sie ist ein massiver physiologischer Reiz.

Unser Körper muss seine Wärme schützen und produzieren. Blutgefäße reagieren, Stoffwechselprozesse verändern sich und das sympathische Nervensystem wird aktiviert.

Dabei spielt auch unser braunes Fettgewebe eine interessante Rolle.

Während weißes Fettgewebe vor allem Energie speichert, kann braunes Fett Energie in Wärme umwandeln.

Kälte aktiviert dieses Gewebe. Bei wiederholter Kälteexposition können zudem Anpassungsprozesse auftreten, durch die bestimmte Fettzellen Eigenschaften von braunem Fettgewebe entwickeln. Man spricht dabei von „Browning“ oder „Beiging“.

Das bedeutet nicht:

Eisbaden macht schlank. So einfach ist Physiologie nicht.

Spannender ist für mich etwas anderes:

Der Körper bekommt einen Reiz – und muss darauf antworten.

Er muss regulieren. Er muss sich anpassen. Er muss arbeiten.


3. Nicht jeder Stress ist unser Feind

Wir reden heute unglaublich viel über Stress.

Und meistens darüber, wie wir ihn vermeiden können.

Aber unser Organismus ist nicht dafür gemacht, vollkommen reizfrei durchs Leben zu gehen.

  • Hitze.
  • Kälte.
  • Bewegung.
  • Hunger.
  • Anstrengung.
  • Erholung.

Unser Körper lebt von Veränderung und Anpassung.

Ein kurzer, kontrollierter Stressreiz kann Anpassungsprozesse anstoßen. Dieses Prinzip wird häufig als Hormesis bezeichnet.

Auch Kälte beeinflusst Stressreaktionen sowie Immun- und Entzündungsprozesse.

Das bedeutet nicht, dass ein kaltes Bad Krankheiten verhindert oder „das Immunsystem boostet“.

Aber es bedeutet:

Unser System muss auf einen starken Reiz reagieren.

Und genau diese Fähigkeit zur Regulation finde ich spannend.


DU KANNST DER KÄLTE NICHTS VORMACHEN.

DIE KÄLTE DECKT AUF.

Du kannst dir erzählen, dass du entspannt bist.

Du kannst nach außen souverän wirken.

Du kannst versuchen, dich abzulenken.

Aber sobald du in sehr kaltes Wasser steigst, interessiert das die Kälte herzlich wenig.

Sie zeigt dir unmittelbar, wie dein System gerade reagiert.

Wirst du hektisch?

Hältst du die Luft an?

Verkrampfst du?

Willst du sofort wieder raus?

Oder kannst du wahrnehmen, was gerade passiert?

Kannst du atmen?

Kannst du beobachten?

Kannst du deinen Fokus behalten?

Die Kälte diskutiert nicht mit dir.

Sie bewertet dich nicht.

Sie ist einfach da.

Und genau deshalb ist sie ein so ehrlicher Spiegel.

Du kannst der Kälte nichts vormachen –
aber du kannst lernen, ihr anders zu begegnen.


4. Fokus, wenn dein System Alarm schlägt

Vielleicht ist das für mich inzwischen der interessanteste Aspekt des kalten Wassers.

Du stehst am Ufer.

Du weißt genau, was gleich kommt.

Ein Teil von dir sagt:

„Heute vielleicht lieber nicht.“

Dann gehst du hinein.

Der Körper reagiert.

Der Atem möchte schneller werden.

Die Muskulatur spannt sich an.

Alles in dir möchte möglicherweise sagen:

Raus hier.

Und genau hier beginnt die eigentliche Übung.

Nicht möglichst lange auszuhalten.

Nicht härter zu sein als jemand anderes.

Sondern:

Kannst du ruhig bleiben, während dein System Alarm schlägt?

Kannst du deinen Atem wahrnehmen?

Kannst du bei dir bleiben?

Kannst du unterscheiden zwischen dem Impuls, sofort zu reagieren, und der bewussten Entscheidung, wie du reagieren möchtest?

Wir können Stress nicht aus unserem Leben entfernen.

Aber wir können Erfahrungen machen, in denen wir lernen, wie wir Stress begegnen.


5. Keine Wim-Hof-Show

Und genau deshalb möchte ich eines ganz klar sagen:

Das hier soll keine Wim-Hof-Show werden.

Kein höher, schneller, weiter.

Oder besser gesagt:

Kein länger, härter, kälter.

Keine Rekorde.

Keine Stoppuhr.

Kein kompliziertes Setup.

Kein großes Tamtam.

Und kein Hokuspokus.

Eigentlich brauchen wir erstaunlich wenig.

Einen sicheren Platz.
Unseren Atem.
Unseren Körper.
Das Wasser.
Und die Bereitschaft, uns darauf einzulassen.

Vielleicht ist das kalte Bad für mich inzwischen sogar weniger Training als ein kleines Reinigungsritual.

Eine Zeremonie.

Du kommst an.

Du lässt den Alltag für einen Moment zurück.

Du atmest.

Du gehst ins Wasser.

Und die Kälte nimmt dir ziemlich schnell alles ab, was gerade nicht wichtig ist.

Keine Nachrichten.

Keine Termine.

Keine To-do-Liste.

Kein Mindchat.

Nur du.
Dein Atem.
Das Wasser.


6. Mama Cocha – zurück zum Wasser

In der Weltanschauung der Anden spielt die Natur traditionell eine besondere Rolle.

Viele kennen vielleicht den Begriff Pachamama – Mutter Erde.

Weniger bekannt ist Mama Cocha – Mutter Wasser.

Mama Cocha steht in andinen Traditionen für das Meer und die Gewässer – für Wasser als Ursprung und lebensspendende Kraft.

Ich mag dieses Bild.

Nicht, weil wir am Ammersee plötzlich ein südamerikanisches Ritual nachspielen wollen.

Darum geht es überhaupt nicht.

Es geht um etwas viel Einfacheres.

Vielleicht müssen wir Natur nicht immer nutzen.

Nicht optimieren.

Nicht vermessen.

Und nicht einmal immer erklären.

Manchmal dürfen wir ihr einfach begegnen.

Barfuß am Ufer stehen.

Den Boden spüren.

Die Kälte auf der Haut wahrnehmen.

Den Wind fühlen.

Atmen.

Und dann ins Wasser gehen.

Mit Respekt vor einem Element, das sehr viel stärker ist als wir.

Für diese 90 Minuten dürfen wir den Ammersee vielleicht als unsere kleine Mama Cocha betrachten.

Die Natur holt dich zurück in den Moment.


Rückverbindung statt Selbstoptimierung

Vielleicht ist das am Ende der Punkt, der mir heute wichtiger ist als vor neun Jahren.

Wir versuchen ständig, uns zu optimieren.

Besser schlafen. Besser essen. Effizienter arbeiten. Mehr leisten. Mehr wissen. Noch eine App. Noch ein Tracker. Noch ein Biohack.

Vielleicht brauchen wir manchmal genau das Gegenteil.

Weniger. Weniger Input. Weniger Denken. Weniger Kontrolle. Und dafür wieder mehr unmittelbare Erfahrung.

Denn wir stehen der Natur nicht gegenüber.

Wir sind ein Teil von ihr.

Vielleicht bedeutet REBOOT YOUR SYSTEM deshalb gar nicht, etwas Neues hinzuzufügen.

Vielleicht bedeutet Reboot manchmal einfach, für einen Moment alles wegzulassen.


BREATHE · FREEZE · MOVE

Aus all diesen Gedanken ist mein neues kleines Format am Ammersee entstanden.

Wir treffen uns in einer Gruppe von maximal fünf Menschen.

Wir nehmen uns etwa 90 Minuten Zeit.

Wir beginnen mit Atemarbeit und bereiten Körper und Geist auf die Kälte vor.

Dann gehen wir gemeinsam ins kalte Wasser.

Bewusst.

Sicher.

Ohne Wettbewerb.

Danach kommen wir über Bewegung wieder zurück.

Wir erzeugen Wärme.

Wir trinken Tee.

Ein sicherer Raum für eine sehr unmittelbare Erfahrung.

Vielleicht sogar eine kleine Zeremonie.

Mit unserem Atem.

Mit unserem Körper.

Mit der Kälte.

Und mit unserer Mama Cocha – dem Ammersee.

REBOOT YOUR SYSTEM.

Du kannst der Kälte nichts vormachen.
Die Kälte deckt auf.

Rückverbindung statt Selbstoptimierung.


 

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